Finanzielle Freiheit: Weg ins Glück oder Flucht vor der Angst?

Finanzielle Freiheit und Unabhängigkeit – Begriffe, die für jeden Menschen etwas anderes bedeuten. Während sich manche mit einer minimalistischen Lebensweise zufriedengeben, brauchen andere schnelle Sportwagen und teure Immobilien und das am liebsten noch mit Meerblick. Egal wie die persönliche Vorstellung der eigenen finanziellen Unabhängigkeit ausfällt, eine große Sehnsucht und Lebenstraum ist sie für fast alle. Immer mehr Menschen wollen es nicht beim bloßen Traum belassen. Insbesondere in den USA ist immer häufiger ein radikaler Lebensansatz zu beobachten: Junge, vielfach gut ausgebildete Besserverdiener ordnen fast alles dem Ziel einer möglichst frühen finanziellen Unabhängigkeit unter. Das Konzept: konsequentes Sparen, um möglichst früh ein ausreichendes Vermögen aufgebaut zu haben, um ohne regelmäßiges Einkommen auszukommen.  Ein Weg ins Glück oder doch eher ein Ausdruck der wachsenden Unsicherheit in einer immer unvorhersehbareren Welt? Und ist Geld eigentlich alles im Leben?

Das Grundproblem: Zeit, Geld und Energie – Warum wir nicht alles gleichzeitig haben können.

Geld ist nicht alles im Leben. Mindestens genauso wichtig für das persönliche Glück sind die Faktoren Zeit und Energie bzw. Gesundheit. Betrachtet man die Verteilung dieser Faktoren über verschiedene Lebensabschnitte hinweg, stellt sich ein häufig beobachtbares Muster heraus:

Nach dem Schulabschluss entscheiden sich immer mehr junge Menschen für ein Studium. Ein Lebensabschnitt, der vielfach durch einen beschränkten finanziellen Spielraum geprägt ist. Demgegenüber sind die Faktoren Zeit und Energie vielfach im ausreichenden Maße vorhanden und führen zu großer Kreativität, wenn es darum geht die eigenen Lebenshaltungskosten möglichst gering zu halten.

Das ändert sich bei vielen mit dem Eintritt ins Berufsleben. Die Freiheit, sich den Tag zeitlich flexibel aufzuteilen schwindet zugunsten eines größeren finanziellen Spielraums. Verständlicherweise locken hohe Einstiegsgehälter junge Arbeitnehmer auf den Arbeitsmarkt und lassen die Attraktivität des Faktors Zeit verblassen. Absolventen entwickeln in dieser Zeit häufig ein System des immanenten Vergleichens. Vielfach geht es nach dem Abschluss zunächst einmal darum, den Eltern die eigene finanzielle Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen.

Verstärkt wird dieser Anreiz durch den Wettbewerb mit anderen Absolventen um das höhere Einstiegsgehalt oder das beliebtere Unternehmen. Dieser Effekt führt zu einer verzerrten Wahrnehmung der Faktoren. Dem Faktor Geld wird in dieser Zeit überproportional viel Wert zugesprochen. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen: Viele Studenten haben im Laufe des Studiums einen Studienkredit aufgenommen oder haben für den neuen Laptop eine Finanzierung abgeschlossen und möchten sich dieses Fremdkapital in der persönlichen Finanzplanung entledigen.

Im Alter von 67 ist es soweit. Das Berufsleben ist vorbei und Menschen sind endlich in der Lage, unabhängig vom Arbeitgeber eigene Pläne zu schmieden. Die Realität sieht in vielen Fällen jedoch anders aus. Der Faktor Energie nimmt mit steigendem Alter ab. Große Reisen nach Neuseeland oder die Wandertour durch Südamerika sind zwar finanziell möglich, in meisten Fällen scheitern diese jedoch an der körperlichen Verfassung.

Die FIRE-Bewegung möchte diesen Zielkonflikt durchbrechen, indem möglichst früh die eigene finanzielle Unabhängigkeit erreicht wird. Zeit, Geld und Energie gleichzeitig ist das große Ziel.

Finanzielle Unabhängigkeit und FIRE

Finanzielle Unabhängigkeit bedeutet, nicht mehr aktiv für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Über das ersparte Kapital wird ein passiver Einkommensstrom generiert, der ausreichend ist, die laufenden Lebenshaltungskosten zu decken. Die Grundidee: Das eigene Geld arbeitet für einen selbst und nicht mehr umgekehrt.

Bislang folgen nur wenige Privatpersonen einer Strategie, die sie zur langfristigen finanziellen Unabhängigkeit führt. Die meisten Menschen konsumieren ihr Einkommen oder legen es wertmindernd an, ohne sich aktiv Spielräume für wachsende passive Einkommensströme zu schaffen. Dadurch rückt der frühzeitige Ruhestand immer weiter in die Ferne.

In den USA ist mit der FIRE-Bewegung („Financial Independence and Early Retirement“) besonders bei gut ausgebildeten Angestellten – vielfach in großen Technologieunternehmen – eine neue Lebensphilosophie zu beobachten. Die FIRE-Bewegung folgt einem relativ einfachen Prinzip:

  1. Plane den Ruhestand: Eintrittsalter, nötiges Einkommen, passive Ertragsquellen.
  2. Maximiere dein Einstiegsgehalt,
  3. halte deine Sparquote hoch (ca. 75 %)
  4. und investiere dein Vermögen gewinnbringend.

Die Bewegung vernetzt sich immer stärker und tauscht sich im Internet und auf gemeinsamen Veranstaltungen über die neusten Sparmöglichkeiten und vermeintlich besten Anlagestrategien aus.

Doch wie viel Einkommen benötige ich im Ruhestand? Wann habe ich genug Geld, um frühzeitig in Rente zu gehen?

Ein beliebtes Konzept zur Beantwortung dieser zwei Fragen ist die 4%-Regel. Wer seinen Lebensunterhalt aus 4% seines Vermögens bestreiten kann, kann sich zur Ruhe setzen. Wer also beispielsweise 800.000 EUR gespart hat, dem stehen nach der Regel ca. 32.000 EUR pro Jahr zur Verfügung. Das Problem: Die eigenen Lebensumstände, zukünftigen Bedürfnisse und Vorlieben verändern sich mit der Zeit und sind nicht immer klar planbar.

Viel entscheidender aber: Das Konzept der finanziellen Unabhängigkeit basiert auf der Annahme einer bestimmten Zielrendite an den Kapitalmärkten. Die meisten Vorbilder der Bewegung, konnten von der Marktentwicklung seit 2009 profitieren. Der S&P-500 Index hat sich seitdem im Wert mehr als verdreifacht. Wer die Märkte im Herbst 2018 beobachtet hat, musste jedoch feststellen, dass eine stabile Entwicklung der Märkte in den kommenden Jahren keineswegs garantiert ist. Rückschläge werden aktuell sogar als gesunde Reaktion auf die historische Entwicklung angesehen. Ist diese Zielrendite zu optimistisch gewählt und langfristig nicht erzielbar ist die Gefahr groß, dass das eigene Modell nicht aufgeht.

Drei Empfehlungen, die Anleger kennen sollten

Die eine goldene Regel zur Erlangung finanzieller Unabhängigkeit existiert nicht. Ein blindes Kopieren von Methoden ist für den privaten Anleger nicht ratsam und mit Risiken verbunden. Die folgenden Punkte sollten daher in jedem Fall berücksichtigt werden.

  1. Jeder muss für sich selbst entscheiden wie hoch seine maximale Sparquote sein darf, ohne einen zu großen Verlust an Lebensqualität während der Erwerbszeit hinnehmen zu müssen. Studien zeigen, dass eine über das Leben verteilte, konstante Konsumquote Menschen langfristig glücklicher macht. Zu viele Einbußen in jungen Jahren sollten daher nicht hingenommen werden.
  2. Jobs ausschließlich nach dem Kriterium „Gehalt“ zu filtern ist ungenügend. Da wir mindestens ein Drittel des Tages im Job verbringen, sollten wir uns schwerpunktmäßig nach Kriterien wie Arbeitsatmosphäre, Flexibilität und Lernkurven filtern. Spaß bei der Arbeit wird automatisch dafür sorgen, dass der Druck, so schnell wie möglich in den Ruhestand zu gehen, nach und nach schwindet.
  3. Anleger sollten nicht zu risikofreudig handeln und sich durch eine möglichst breite Streuung ihrer Einkommenströme absichern. Eine gesunde Mischung aus Kapitalerträgen und persönlichem Einkommen kann in schwierigen Marktphasen die notwendige Sicherheit garantieren.

Welche Rolle Angst und Marktpsychologie spielen?

Nobelpreisträger Robert Shiller sieht die Sparbewegung als Ausdruck einer verstärkten Unsicherheit und Zukunftsangst in der Gesellschaft. Insbesondere die schnell voranschreitende Digitalisierung bedroht zunehmend Arbeitsplätze. Diese Entwicklung führt zu einer erhöhten Sparbereitschaft bei Arbeitnehmern – das Sparen entsteht hier jedoch aus der Not heraus. Dass sich insbesondere junge Arbeitnehmer aus der Tech-Industrie dieser Lebensphilosophie anschließen mag im ersten Moment überraschend wirken: Sollten nicht gerade diese Menschen keine Angst vor technologischem Fortschritt haben? Eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage zu geben ist nicht möglich. Zunächst einmal gilt, dass das Sparen aus Unsicherheit nicht auf jeden zutrifft. Viele Vertreter dieser jungen Generation verfolgen den Wunsch einer beruflichen Selbstständigkeit und sparen hierfür. Zugleich sehen zahlreiche Beobachter in diesem Verhalten jedoch einen Beleg, dass selbst vielen jungen Entwicklern bewusst ist, dass der Bestand ihrer Arbeitsplätze vor dem Hintergrund der schnell voranschreitenden Digitalisierung nicht garantiert ist.

Schlusswort von wevest Capital

Der Aufbau eines persönlichen Vermögens in Zeiten unsicherer Altersvorsorgesysteme ist unabdingbar.  Ein wichtiger Schritt hin zu einer vernünftigen Geldanlage ist die Aufteilung des Vermögens in unterschiedliche Anlageklassen durch Diversifikation. Die persönlichen Finanzen auf möglichst viele Standbeine (Arbeitseinkommen, Kapitalerträge aus gut diversifiziertem Portfolio) zu stellen ist der langfristig sichere Weg. Eine gesunde Mischung aus globalen Aktien, Anleihen und auch Immobilien ist eine gute Ausgangsbasis. Darüber hinaus bieten FinTech Anbieter Anlegern Zugang zu alternativen Anlageprodukten wie Unternehmensbeteiligungen, Privat- oder Firmenkrediten.

 

 

Hinweis zu Bildrechten: Die wevest Capital AG bezieht ihr Bildmaterial von der Plattfrom pixabay. Dort veröffentlichte Bilder sind lizenzfrei und stehen jedem frei zur Verfügung.

Author: Carlos Link-Arad
Business Development Manager bei wevest Capital. Erfahrener Analyst für Banking und Innovation und begeisterter Privatanleger.

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2 Kommentare

  • Martin Ziegler

    Wer kann schon 800.000 € durch Erwerbstätigkeit ansparen?

    • Carlos Link-Arad

      Guten Tag Herr Ziegler,

      vielen Dank erstmal für Ihr Kommentar. Die Frage ist natürlich berechtigt. Wir sollten berücksichtigen, dass die „FIRE“ Bewegung insbesondere bei Arbeitern aus der Tech-Branche in den USA entstanden ist. Dort sind 6-stellige Gehälter alles andere als selten. Mit dem entsprechenden Maß an Disziplin und einer hohen Sparquote ist es diesem Personenkreis möglich in relativ kurzer Zeit ein entsprechendes Vermögen zu generieren. Wir erkennen natürlich an, dass nicht alle solch ein Gehalt beziehen. Jedoch gehen wir davon aus, dass mit einer vernünftigen Geldanlage und einer möglichst breiten Diversifikation ein stabiler Vermögensaufbau für jeden realisierbar ist. Dadurch kann man seine eigene finanzielle Unabhängigkeit stärken und sich vor allem für unsichere Zeiten (Rente, Arbeitslosigkeit, etc.) absichern. Und das mit möglichst geringem Risiko.

      Viele Grüße
      Carlos Link-Arad
      (Junior Business Development Manager – wevest Capital)