Eisberg voraus – wie Anleger ihre Geldanlage wirklich krisenfest machen

Seit der Jahrtausendwende haben Anleger drei große Finanzkrisen miterlebt, die gezeigt haben, welch schwerwiegende Vermögensverluste solche Krisen zur Konsequenz haben können. Obgleich die Entstehung im Nachhinein recht klar zu erkennen ist, gelingt es niemandem, die Krisen und deren Eintritt ausreichend präzise vorherzusagen.

Timing macht also keinen Sinn. So ist eine zentrale Erkenntnis der modernen Kapitalmarktforschung daher auch, dass der Anlageerfolg vor allem von der strategischen (und nicht von der taktischen) Vermögensallokation abhängt. Professionelle Kapitalanleger versuchen demzufolge ihre Portfolien so auszurichten, dass sie auch in Krisenzeiten eine hohe Wertstabilität aufweisen. Nicht sinnvoll ist es aber, die Vermögensallokation so aufzustellen, wie sie in der zurückliegenden Krise den optimalen Schutz geliefert hätte.

Jede Krise ist anders

Nehmen wir zum Beispiel die Wirtschafts- und Finanzkrise 2007-2009: Faule Immobilienkredite haben damals beinahe zum Zusammenbruch des westlichen Bankensystems geführt. Ausgelöst durch Notverkäufe sind die Preise von nahezu allen Anlageklassen gefallen. Einzige Ausnahme: Staatsanleihen hoher Bonität wie die der Bundesrepublik Deutschland und den USA. Durch ihre negativen Korrelationseigenschaften zu allen anderen Anlageklassen boten sie einen wirkungsvollen Schutz vor Portfolioverlusten.

Es ist jedoch nicht sinnvoll auf Grundlage dieser historischen Erfahrung sein Portfolio heute mit einem erhöhten Anteil an solchen Staatsanleihen auszustatten. Nicht nur, dass sich heute das Zinsniveau auf einem viel niedrigeren und die Staatsverschuldung auf einem viel höheren Niveau befindet. Die USA haben heute eine Schuldenquote im Vergleich zur Wirtschaftsleitung von über 100 Prozent. Zu Beginn der Finanzkrise 2007 waren es nur 64 Prozent! Auch ist bei einem anderen (in Zukunft möglichen, vielleicht sogar wahrscheinlichen) Krisentyp ist ein gänzlich unterschiedliches Verhaltensmuster zu erwarten.

Vor 8 Jahren profitierten die AAA-gerateten Anleihen noch von der Flucht aus risikobehafteten Anlagen in den „sicheren Hafen“. Bei einer zukünftig möglichen Inflationskrise aus kommt es jedoch zu gänzlich anderen Verhaltensmustern. Die Preise von Anleihen sinken dann inflationsbedingt und gleichzeitig fallen die Preise der risikobehafteten Anlagen wie Aktien. Eine einseitige Ausrichtung des Portfolios zugunsten von Anleihen auf Grundlage der positiven Erfahrungen aus der letzten Krise hätte also eine Erhöhung des Risikos bei einer inflationsbedingten Krise zur Folge. Das ist genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Die erfolgreiche Portfoliooptimierung hin zu einer robusten Wertentwicklung erfordert folglich eine Absicherung gegenüber einer breiten Anzahl möglicher zukünftiger Krisentypen.

Hohe Risiken bei Vermögensverwaltung mit Blick in den Rückspiegel

Leider ist diese Art der rückwärts gerichteten Portfoliooptimierung immer noch sehr häufig zu beobachten. Besonders Banken und Sparkassen bieten Ihren Kunden Musterportfolien an, die auf Basis historischer Daten zusammengestellt werden. Aus unserer Sicht ist es jedoch ratsam, sich intensiv mit den potentiellen Krisenszenarien in der Zukunft auseinanderzusetzen und darauf aufbauend Portfolien zu konstruieren, welche die Verluste unter Berücksichtigung unterschiedlicher denkbarer Krisen auf ein erträgliches Maß begrenzen.

Kennzeichen der heutigen Wirtschafts- und Finanzwelt ist ein hohes Maß an Vernetzung. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass eine (lokale) makroökonomische Krise globale Reaktionen verursacht und zusätzlich weitere Krisen nach sich zieht. Der Rückgang der Immobilienpreise in den USA in den Jahren 2006/2007 führte zunächst zu Zahlungsausfällen bei den Immobilienkrediten. Diese Kredite wurden verbrieft und an Banken in der ganzen Welt verkauft, was erst zu einer Bankenkrise und anschließend durch die staatlichen Rettungsmaßnahmen zu einer Staatsschuldenkrise führte. Global litt die Realwirtschaft, was ebenfalls die Rohstoffpreise unter Druck brachte.

Aktuell erachten wir Risiken resultierend aus der globalen Überschuldung und der verzerrten Vermögenspreise als besonders hoch. Gemessen an dem verfügbaren Einkommen der Arbeitnehmer sind Vermögenswerte teuer wie nie. Insbesondere die Staatsanleihen sehen wir aufgrund ihrer negativen Verzinsung und Bonitätsverschlechterung in der nächsten Krise gefährdet.

Fazit

Wer sein Vermögen nachhaltig vor schweren Verlusten schützen möchte, muss sich auch mit in Zukunft denkbaren makroökonomischen Krisen auseinandersetzen. Ein Blick in den Rückspiegel ist hier nicht hilfreich. Dabei geht es nicht darum, den Eintritt einer Krise exakt vorherzusagen. Vielmehr ist das Portfolio rechtzeitig für möglichst viele, unterschiedliche Krisentypen gleichermaßen wetterfest zu machen.

 

Björn Siegismund
Author: Björn Siegismund
Vorstand und Chief Investment Officer der wevest Capital Vermögensverwaltung AG, zuvor Portfoliomanager bei Deutschlands größter Pensionskasse BVV.

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